Endlich: Ich werde ein besserer Mensch

Donnerstag, 29. Mai 2014



Für meine Tochter möchte ich gerne ein besserer Mensch werden. Ich möchte ihr ein Vorbild sein, um meine ganze Erzieherei auch mit etwas Glaubwürdigkeit zu untermauern.

  • Ich will öfters mit dem Rad und seltener mit dem Auto fahren, obwohl ich schrecklich gerne Auto fahre. 
  •  Ich will mehr Sport machen.
  • Ich will mein Obst und Gemüse nur noch von den Bioständen auf dem Markt und nicht mehr im Supermarkt kaufen.
  • Ich will keine billig produzierte Kleidung mehr in schwedischen Modehäusern kaufen.
  • Ich will weniger fluchen, obwohl ich verdammt gute Schimpfwörter kenne.
  • Ich möchte weniger fernsehen, und wenn, dann auf gar keinen Fall Trash-Formate.
  • Ich will weniger Süßigkeiten essen, dafür mehr Wasser trinken und immer frisches Obst und Gemüse (das vom Markt) im Haus haben.
  • Ich will Parteiprogramme lesen, ehe ich wählen gehe.
  • Ich will am Mittagstisch sitzen bleiben, bis mein Mann aufgegessen hat, auch wenn er sich dreimal nachnimmt.
  • Ich will meine Mitmenschen öfter auch mal ausreden lassen.

Keine Ahnung, ob ich es schaffe, das so durchzuziehen. Momentan steht beim Frühstück ein Riesenglas Nutella auf dem Tisch, wobei man Mann und ich immer von unserem Weizenkleie-Aufstrich sprechen. Aber für die Maus dreht sich die Welt derzeit ja eh noch um Milch. Statt Obst verputze ich derzeit Unmengen an Kuchen und Schokolade, denn die Stillerei frisst mich auf (Luxusproblem!). Außerdem lässt mir das anstrengendste (und niedlichste!) Baby der Welt keine Zeit zum Kochen. Und ja, ich gebe es zu – nach 14 Stunden Babybespaßung lande ich auch schon mal mit Baby auf dem Bauch vor der Glotze, und nein, da läuft dann nicht arte, sondern die Verbotene Liebe. Und jetzt gerade, so beim Bloggen, sitzt ein kleiner Digital Native auf meinem Schoß, lutscht an meinem Arm und findet meinen Computerbildschirm höchst interessant. Das Bilderbuch, das ich vorhin mit ihr lesen wollte, hat sie sich lieber in den Mund gesteckt.

Wer ist hier der Boss?

Sonntag, 25. Mai 2014



„Wer ist hier eigentlich der Boss?“, habe ich mich kürzlich gefragt, als ich neben ein kleines Wesen im Marienkäfer-Pyjama in mein Bett schlüpfte und mit der Taschenlampe unter meiner Bettdecke in einem Roman schmökerte. Also eins ist sicher: Ich bin’s nicht. Und mein Mann – der ist es auch nicht. Es gibt so Mütter, die tatsächlich ein Baby und dennoch das Sagen haben. Hab ich in der „Eltern“ gelesen. Die sagen, was Sache ist, und das Kind muss halt mitlaufen. Nun ist mein Piepsi leider kein Beistellbaby, sondern fordert mich abgesehen von der täglichen halben Stunde unterm Spielebogen so ziemlich rund um die Uhr. Das schlaue Kind hat eben kapiert, dass Elternzeit kein Urlaub ist. Nee, nee, Mutti wurde freigestellt, um sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Also Mutti  - dann kümmre dich auch! Und träum nicht von Café-Besuchen, Sport oder von einer Mahlzeit, die du mit beiden Händen einnimmst. Es ist nicht so, dass ich morgens aufstehe und denke: „Mensch, auf Diesunddas hätte ich heute ja total Bock.“ Vielmehr schaue ich, wie Piepsi so drauf ist, ob sie schlecht geschlafen hat und ein paar Kinderwagentouren mehr braucht, ob Besuch sie an diesem Tag vielleicht arg stressen oder ein Tag allein mit der Amateur-Mutti sie womöglich langweilen könnte. Jaaa doch, ich bin eine GLUCKE, und ich VERWÖHNE mein Kind. Vielleicht bin ich auch momentan einfach zu faul und zu müde für Kämpfchen und ergebe mich daher voll und ganz den Ansagen meiner neuen Herrin und Gebieterin. Profi-Mütter schütteln vielleicht den Kopf. „Das musst du ihr später alles wieder abgewöhnen.“ Jaaa doch, zum zweiten. Aber das ist doch später. Und jetzt ist jetzt. Und da lese ich eben lieber mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, so dass Piepsi nicht aufwacht. Denn wenn die erstmal wach ist – dann wird es richtig anstrengend.

Wovon träumen Babys?

Mittwoch, 21. Mai 2014



„Wovon träumen eigentlich Babys?“, hat mich kürzlich ein Freund gefragt. Mir fällt da eigentlich nur eins ein: Milch! Zumindest nuckelt Piepsi teilweise im Schlaf. Und ja, sie lächelt mich freudig an, wenn sie mich sieht. Aber kein Vergleich zu ihrem Strahlen, wenn ich die Milchbar auspacke. Kürzlich hatte mein Baby einen Albtraum. Und auch da muss es um Milch gegangen sein, da bin ich mir sicher. Am Nachmittag hatten wir versucht, sie mit Pre-Nahrung zu füttern. Im Fläschchen. Denn wenn es ums Stillen geht, würde ich gerne den Einstieg in den Ausstieg wagen, aber aus der Politik wissen wir ja, dass das etwas dauern kann. Und auch bei uns: ganz großes Drama. Prompt fiel ihr Nachmittagsschläfchen so aus: Kopfschütteln, die Händchen nach vorne gestreckt, Abwehrbewegungen, kraus gezogenes Näschen. So als wolle sie mir sagen: „Nein, nein, neeeein, nicht die Flasche, nimm dieses Ding weg von mir!“ Tja, Töchterlein. Irgendwann musst auch du aus deinen Träumen vom Land, in dem Milch und… naja, Milch fließt, aufwachen, und erkennen, dass wir in einer anderen Welt leben. Einer Welt mit ziemlich vielen Flaschen.

Die Kaffeekatastrophe: Irgendwie kriegen wir das hin

Samstag, 17. Mai 2014



So, das war’s. Ich steige aus dieser ganzen Mutti-Nummer aus. Ich baue meiner Tochter einen fensterlosen, ausgepolsterten Raum, sperre sie darin ein und lasse sie erst wieder heraus, wenn sie 18 ist. Diese Welt ist einfach zu gefährlich für ein Baby. Was ist geschehen?
Frühstück. Piepsi auf Papas Schoß. Papa trinkt Kaffee. Piepsi ist neugierig, reckt das Händchen, haut volle Wumme gegen die Tasse. Kaffee auf Piepsi. Große Hektik, schnell runter mit den Klamotten vom Babykörper. Zu sehen: nichts. Keine Verbrennungen, nicht mal eine Rötung. Piepsi quietscht vergnügt. Amateur-Mutti am Boden.
Ich hätte es wissen müssen. Ich habe einfach nicht die Nerven für ein Kind. Es ist nämlich so: Wenn es irgendwo auf dieser Welt ein Zentrum gibt, in dem die coolen, entspannten und gelassenen Menschen leben, so wohne ich auf genau der gegenüberliegenden Seite der Erdhalbkugel. Dabei bin ich bislang abgesehen von den Dreimonatskoliken und der Kaffee-Fastkatastrophe verschont geblieben. Es gab noch keinen Schnupfen, noch keine Bindehautentzündung, keine Babyakne, Milchschorf oder sonstige Hautirritationen. Der Kopf ist wohlgeformt, unser Piepsi ist topfit, ein echtes Tier und gedeiht prächtig, wie man so schön sagt. Dennoch habe ich Riesenrespekt vor dieser ganzen Kindersache und habe mir lange überlegt, ob ich überhaupt ein Kind haben möchte. Denn dass meine Tochter tatsächlich so gesund ist, dass da „alles dran“ ist, erstaunt mich immer noch und immer wieder.
Es hat für mich auch nichts mit mangelndem Optimismus zu tun, dass ich mich im Vorfeld  oft gefragt habe, ob ich denn ein Leben mit einem behinderten Kind hinkriegen würde. In meinem Stamm-Schwimmbad sah ich öfters ein Paar um die 60, das seine Tochter in einem Rollstuhl in die Halle schob. Die Tochter – ich schätze sie auf Mitte 30 – konnte sich nicht klar artikulieren, schien aber eine Riesenfreude an den Schwimmbadbesuchen zu haben. „Kriegen wir das auch so hin?“, habe ich meinen Mann gefragt. Und er hat mir immer wieder versichert: „Ja. Auch das kriegen wir hin.“ Was soll man denn auch sonst in so einer Situation tun, außer es „hinzukriegen“? Weglaufen gibt es nicht. Also hätten wir es hingekriegt und werden es auch hinkriegen, wenn uns noch ein Schicksalsschlag treffen sollte.
Was mich selbst verblüfft hat: Als ich dann schwanger war, gab es für mich all diese Überlegungen plötzlich nicht mehr. Ich habe mich gegen Pränataldiagnostik entschieden. Denn irgendwie war ich in diesen neun Monaten so entspannt und ruhig wie ich es sehr selten bin. Hormone sind schon eine tolle Sache. Schade, dass dieser Rausch abgeebbt ist und sich die Angstwuschigkeit wieder breit macht. Aber gut. Irgendwie kriegen wir das schon hin.  

Keine Angst vor der Pubertät - Lasst uns eine Band gründen!

Dienstag, 13. Mai 2014



Nach den Dreimonatskoliken habe ich zu meinem Mann gesagt: „Das war unser Stahlbad! Jetzt kann uns nichts mehr schocken. Zähne? Ha, da lachen wir doch!“ Und er sah mich ernst an und sagte nur: „Pubertät.“
Jede Mutti und jeder Vati hat wohl so sein Angstalter, bei meinem Mann ist es die Pubertät. Ehrlich gesagt mache ich mir darum gar keine Sorgen. Meine eigene Pubertät sah nämlich so aus: Ich saß in schwarzen Klamotten in meinem abgedunkelten Zimmer, hörte Nirvana und wollte sterben. Das KANN für meine Eltern nicht sonderlich anstrengend gewesen sein. Nein, wenn ich vor irgendetwas zumindest noch größeren Respekt habe, dann ist es die Trotzzeit. Während ich meinem kleinen wehrlosen Baby nämlich so ziemlich alles verzeihe (Kindchenschema tut sein übriges…), bin ich mir nicht sicher, ob ich mit einem zweijährigen Trotzköpfchen ähnlich geduldig sein werde. Ich bin nicht so gut im Ansagen-machen, schon gar nicht, wenn ein kleines Wesen mit den Fäusten auf den Supermarktboden trommelt und „Ich-will-ich-will-ich-will!“ brüllt. So zumindest stelle ich mir die Trotzphase derzeit vor.
Was mich ebenfalls etwas nachdenklich stimmt: Der Moment, an dem mir bewusst wird, dass ich definitiv nicht mehr jung und cool, sondern peinlich bin und meine Musik staubig ist. Dass dem eigentlich jetzt schon so ist, wurde mir bewusst, als ich zuletzt mit Schülern zusammengearbeitet habe, das Stichwort „Coldplay“ fiel und ich berichtete, dass ich die als Schülerin auch gerne gehört habe. Reaktion: „Waaaas? Soooo  lange gibt’s die schon?“ Na, herzlichen Dank auch. Aber ja, auch mir ist aufgefallen, dass Tocotronic graue Haare bekommen haben. Dennoch spricht mich die Musik von Bands Anfang Zwanzig nicht allzu sehr an. Vor allem die Probleme, die da in den Songs behandelt werden. Was auch ein ganz schönes Gefühl ist. Gibt es eigentlich auch Songs über das Amateur-Mutti-sein? Das Elternsein an sich? Also jenseits von „Father-and-Son“-Kitsch? Über entsprechende Musik-Tipps würde ich mich freuen! Ansonsten sollten wir eine Band gründen. Dazu ist man doch nie zu alt, oder?
 
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