Jedes Kind kann schlafen lernen - nicht

Sonntag, 31. Mai 2015

Ich bin erschöpft. Das ist meine einzige Entschuldigung. Ich habe seit 17 Monaten nicht mehr durchgeschlafen und muss derzeit häufig sehr früh (und mit sehr früh meine ich: um 4 Uhr) für meine Arbeit aufstehen. Bislang haben wir als Eltern das alles mit Fassung getragen, was wohl auch daran lag, dass Piepsi abends mit etwas Händchenhalten eigentlich nach spätestens 20 Minuten ganz gut einschläft und nachts, wenn sich jemand neben sie legt, mit etwas Händchenhalten nach dem Aufwachen meistens ganz gut wieder einschläft - ehe die Nacht dann um 5 Uhr endgültig vorbei ist.
Das ist seit ein paar Wochen nicht mehr der Fall. Oft brauchen wir abends bis zu 90 Minuten, bis Piepsi schläft - und das, obwohl sie todmüde ist. Dann ist es oft schon fast neun Uhr, und da ich ja so fies früh aufstehen muss, kann ich mich gleich dazu legen - Ich-Zeit gleich Null. Sozialleben? Ausgeschaltet. Genug gejammert. Da muss sich was ändern. Dachte ich.
Natürlich weiß ich seit frühester Babyzeit von der Ferber-Methode und der etwas abgeschwächten Form, die in dem umstrittenen Ratgeber "Jedes Kind kann schlafen lernen" beschrieben wird. Ich kenne die Kritik an dieser Methode, die vorsieht, nach einem kuscheligen Abendritual das Kind ins Bett zu legen und trotz Protest das Kinderzimmer zu verlassen, um dann nach zunächst 3 Minuten, später dann 5 oder 7 Minuten wieder nach dem Kind zu sehen, es zu trösten, dann aber wieder aus dem Raum zu gehen. So soll das Kind lernen, selbst einzuschlafen.
Was für ein herrlicher Gedanke: Piepsi noch ein Küsschen aufdrücken, ab in die Heia, und raus in den Eltern-Feierabend. Aber wer einmal durchs Internet schaut, wird nur Negatives über die Methode lesen. Lieblos, großer Stress für Kinder und Eltern, schwere traumatische Schäden, ich weiß nicht was. Das ist bei mir hängen geblieben: "Jedes Kind kann schlafen lernen" ist der Satan. Dennoch habe ich mich mal bei Freunden und Bekannten umgehört, in der Erwartung, Ähnliches zu hören, das mich in meiner Meinung bestätigt. Aber was soll ich sagen? Satan ist ziemlich beliebt.
Die einen haben es strikt nach Lehrplan durchgezogen, die anderen etwas abgeschwächt mit kürzeren Wartezeiten. Das Krasseste, was ich gehört habe: "Ich bin raus in den Garten gegangen, um das Gebrüll nicht zu hören." Puh.
Die Hauptkritik, die ich gelesen habe, war, dass kleine Babys gar nicht wissen, was geschieht. Nun hatte sich eine Freundin aber bei einer Jugendtherapeutin erkundigt: Tatsache ist, die Methode ist für Babys absolut ungeeignet, bei Kleinkindern aber durchaus erfolgversprechend. Ich glaube, das war es, was mich schließlich davon überzeugt hat, es doch einmal auszuprobieren. Und zwar gestern Abend.
Ab dem Mittag waren mein Mann und ich angespannt. Wir wussten, dass da abends etwas auf uns zukommen würde. Wir dachten, uns würde ein sehr langer Abend bevorstehen. Dem war nicht so: Piepsi schlief nach einer Stunde. Aber es war die Hölle.
Drei Minuten vor der Tür warten, während das Kind weint? Als Mutter eines ehemaligen Schreibabys dürfte das doch kein Ding sein. Dachte ich. Aber es ist ein himmelweiter Unterschied, ob mein Kind trotz mir schreit - oder wegen mir. Ob ich alles tue, was in meiner Macht steht, um es vom Schreien abzuhalten und es zu beruhigen - oder ob ich ihm bewusst meine Hand entziehe, es alleine lasse und damit das Schreien verursache. Und Piepsi schrie. Sie schrie, bis sie hustete und ich dachte, dass sie sich gleich übergeben würde. Wir sind sofort vom Lehrplan abgewichen, eine siebenminütige Wartezeit schien uns undenkbar. Dennoch wollten wir es durchziehen. "Ihr müsst konsequent sein", wurde uns gesagt. Wir saßen beide im Wohnzimmer, mein Herz hämmerte heftig, aus dem Kinderzimmer nach etwa einer halben Stunde ein etwas heiseres Gebrüll. Kaum gingen wir zu Piepsi, kaum hielt sie unsere Hand, beruhigte sie sich, war kurz vorm Einschlafen, aber genau das sollte sie doch nicht: in unserer Anwesenheit einschlafen.
Dann Geräusche, die wir nicht zuordnen konnten. Das Babybett, das auf dem Parkett quietschte. "Die muss heftig herumtoben", dachte ich. Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, die in Wirklichkeit aus einer Stunde "Schlaflerntrainig" bestand, schlief meine arme kleine Tochter ein. Und ich fühlte mich wie ein Arschloch.
Ich habe weitere Internetseiten besucht, bekam auf einmal ein ganz klammes Gefühl ums Herz. Urvertrauen, Trauma, Kind gebrochen. Ist das übertrieben? Oder trifft das zu? Habe ich gerade mein eigenes Kind, mein Allerliebstes gefoltert?
In der Nacht schlief Piepsi gut, ich nicht. Ich hatte Angst davor, ihr am nächsten Morgen in die Augen zu sehen. Angst, dass sie mich nicht mehr lieben könnte. Aber sie war wie immer. Bis zum Mittagsschlaf.
Da legte ich sie wie üblich hin, wollte nur eben auf dem Flur noch etwas einräumen und mich dann ohnehin zu ihr legen - als ich wieder das Bettquietschen hörte. Und diesmal sah, was es damit auf sich hatte: Piepsi hielt sich an den Gitterstäben fest und donnerte den Kopf mit voller Wucht gegen den Bettrahmen. In diesem Moment machte es in meinem Herzen KLIRR. Was bin ich nur für eine Scheißmutter, die es zulässt, dass sich meine kleine Tochter selbst verletzt? Nie wieder Schlaflerntraining, das stand für uns in diesem Moment fest. Irgendwann wird sie schon schlafen lernen - oder alt genug sein, um selbst zu uns ins Bett zu krabbeln.
Eins möchte ich aber doch noch sagen: Ich kann mir vorstellen, dass es Kinder gibt, bei denen das Programm weniger dramatisch abläuft, weil sie ein anderes Temperament haben. Weil sie sich besser regulieren und selbst beruhigen können. Kinder, die vielleicht nur ein bisschen meckern und dann recht schnell lernen, alleine einzuschlafen. Piepsi ist nun mal anders. Und ganz wunderbar. Heute Nacht werde ich mich wieder zu ihr legen und Händchen halten. Ich freue mich drauf.

Das Kind funktioniert nicht

Freitag, 22. Mai 2015

Ich habe mich ja bereits als Gegnerin von Mommy Wars geoutet, mir wäre es auch viel zu anstrengend, einen solchen anzuzetteln. Aber ist es nicht ganz natürlich, dass man sich manchmal... wundert? Ich zum Beispiel habe mich selten so sehr über einen Ausspruch einer Mutter gewundert wie über den einer guten Bekannte, mit der ich während der Elternzeit oft Kinderwagenschubsen gegangen bin.
Ähnlich wie ich hängt sie sehr an ihrem Beruf. Ähnlich wie ich muss sie zu völlig irren Zeiten arbeiten. Schichtbetrieb, mit Einsätzen in der Nacht, am frühen Morgen, samstags und sonntags. Anders als ich war sie aber der Ansicht, dass ihr Beruf nur genau so auszuüben sei, dass sie also eine Tagesmutter finden müsse, die sämtliche Randzeiten abdeckt, und dass das Kind da mitziehen müsse. Ihr Ausspruch während der Elternzeit, vor sich im Kinderwagen ein fünf Monate altes Baby: "Das Kind muss eben funktionieren. Dass ich mich beruflich verändere, ist keine Option."
Meine Bekannte hatte Glück: Das Kind funktioniert. Und auch eine passende Tagesmutter hat sie nach langer Suche gefunden. Die wohnt zwar nicht wirklich in der Nähe, passt auf den Lütten aber auch mal früh morgens und abends auf, ehe der Kindsvater dann den Kleinen abholt. Herzlichen Glückwunsch, alles richtig gemacht.
Auch ich kann mich über ein funktionierendes Kind freuen. Piepsi geht in die Krippe, ich zur Arbeit, das System läuft. Wobei Piepsi etwas schlechter als andere Kinder in ihrem Alter funktioniert, sprich: absolut miserabel schläft, so dass ich auch mal mit exakt null Stunden Schlaf im Büro erschienen bin. Aber da habe ich funktioniert.
Was genau stört mich so sehr an dem Satz? Es ist wohl die Härte, die da mit schwingt. In den ersten Wochen nach der Geburt, als bei uns absolutes Chaos herrschte, funktionierte rein gar nichts. Und ich war mir damals absolut nicht sicher, ob ich mein sensibles Kind fremd betreuen lassen und in den Beruf zurückkehren könnte. Ich wäre aber niemals auf die Idee gekommen, mein Kind als nicht-funktionierend zu bezeichnen. Kaffeemaschinen funktionieren nicht. Mein verdammter Kack-Computer funktioniert nicht. Mein Auto funktioniert nicht. Aber mein Kind?
Natürlich denkt man während der Schwangerschaft darüber nach, was wohl wäre, wenn das Kind nicht gesund zur Welt käme. Wenn es einen Defekt hätte. Nicht funktioniere. Dabei habe ich immer wieder diesen Satz gelesen: "Die meisten Behinderungen entstehen nicht während der Schwangerschaft oder der Geburt - sondern im Leben." So wie die meisten Kaffeemaschinen ihre Kunden noch völlig intakt erreichen und auch mein Kack-Computer nach dem Kauf wunderbar lief, kam Piepsi gesund zu mir. Aber anders als bei meinem Kack-Computer, den ich gerade zurückgebracht habe, habe ich für meine Tochter keine Garantie. Vielleicht wird sie eines Tages krank werden. Und natürlich werden wir dann hier in gemeinsamer Absprache das komplette System über den Haufen werfen, egal, wie sehr ich an meinem Beruf hänge. Denn meine Tochter ist zwar kein goldenes Kalb, um das ich den ganzen Tag lang  folkloristische Tänze ausübe. Aber doch der neue Mittelpunkt meiner Welt.

Piepsi hat eine Freundin

Mittwoch, 6. Mai 2015

Piepsi hat eine Freundin. Sie heißt Matilda und ist zwei Jahre und ein paar Monate alt, also aus Piepsi-Sicht so richtig erwachsen. Ich habe keine Ahnung, wie die beiden miteinander kommunizieren, aber irgendwie tun sie es.
Wenn ich morgens meine Tochter in die Krippe bringe, dann schallt es schon von Weitem: "Piepsi! Piepsi!" Dann kommt ein kleines blondes Mädchen angehüpft, nimmt meine Tochter in den Arm, gibt ihr ein Küsschen, und dann setzen sich beide auf den Boden, gucken sich an und lachen sich schief. Ich würde am liebsten einen Stuhl daneben stellen, mich daneben setzen und losheulen, so niedlich ist das. Auch bei Matilda zu Hause ist Piepsi Gesprächsthema, wie mir ihre Mutter erzählt hat. Andersherum kann ich das nicht bestätigen, was wohl daran liegt, dass sich Piepsi abgesehen von Mama, Papa, Puppu, Buch, Tisch, aufräume, Mama arbeita und Wuff eher lautmalerisch verständlich macht. Dennoch scheint Matilda ihre allererste allerbeste Freundin zu sein, wobei ich weiß, dass diese Freundschaft wohl nicht halten wird.
Matilda wohnt in einem anderen Stadtteil, wird bald einen anderen Kindergarten und dann eine andere Grundschule besuchen. Nun, meine Tochter wird neue Freunde finden. Oder etwa nicht? Sollte ich mich irgendwie einmischen, Matilda zu uns nach Hause einladen? Oder zu Piepsis zweitem Geburtstag, der allerdings noch in weiter Ferne liegt? Versau ich meiner Tochter durch meine komplette Passivität gerade die allerbeste Freundschaft für alle Zeiten und darüber hinaus? Oder ist das alles Schwachsinn, weil Kinder in diesem Alter noch gar nicht so richtig befreundet sein können? Ich weiß es nicht. Aber ich bin mir sicher, dass Matildas Mutter es mir schon sagen wird, wenn es Zeit für eine Spielverabredung wird. Die arbeitet nämlich als Erzieherin. Und mehr Profi geht wohl kaum.
 
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