Dein Kind ist doof

Samstag, 27. Juni 2015

Können Kinder doof sein? Oder sind sie alle unschuldige, niedliche, kleine Wesen? Nun ja - Kinder sind kleine Menschen, und Menschen sind nun mal manchmal doof. Vielleicht sind es aber auch wir Erwachsenen, sprich: die Eltern, die ihre Kinder doof machen. Aber gut - hier wären wir bei der Diskussion über den Einfluss der Gene, der Erziehung und des Umfelds, und da möchte ich nun wirklich nicht tiefer einsteigen. Seit ein paar Tagen habe ich jedenfalls ein neues Hassalter, und das heißt: 5.
Ich bekenne mich als Gegnerin aller Mommy Wars und habe gedacht, ich würde mich niemals in die Erziehung anderer Eltern einmischen. Vor ein paar Tagen habe ich es aber doch getan. Beim Gartenfest einer Freundin. Gutes Wetter, gutes Bier, viele Erwachsene, noch mehr Kinder. Wir mit Piepsi mittendrin. Und am Rande: zwei Fünfjährige.
Hätten die Jungs Mohrenköpfe an die Hauswand geschmiert, hätten sie den kompletten Sandkasten ins Wohnzimmer getragen, hätten sie großflächig Nudelsalat auf dem Rasen verteilt - ich hätte geschwiegen. Die beiden Jungs taten jedoch etwas anderes. Sie quälten Bienen. Drückten Glasteller auf sie, schlugen mit Stöcken nach ihnen, stachen mit Gabeln auf sie ein. Ich bitte um Verzeihung, aber bei Tierquälerei setzt es bei mir aus.
In freundlich-bestimmten Ton habe ich den beiden gesagt, dass sie die Bienen in Ruhe lassen sollen. Dass man Tiere nicht quält, dass Bienen unter Naturschutz stehen, dass sie bestimmt gestochen werden, wenn sie die Bienen weiter ärgern. Die Antwort: "Okay, wir lassen die Bienen in Ruhe." Dazu ein Grinsen. Und weiter geht's. Fünfjährige sind so unfassbar miserable Lügner. Die Bienen wurden tatsächlich auch langsam wild, so dass ich Piepsi aus dem Sandkasten zog und auf ein Bobbycar setzte - raus aus der Gefahrenzone.
Die Eltern saßen nur ein paar Meter entfernt, ich kenne sie von anderen Partys, also habe ich ihnen einfach gesagt, was die Jungs da gerade treiben. Die Mutter ist so ein ganz anderer Mutti-Typ als ich. Sprich: ziemlich cool und gelassen. In dieser Situation etwas zu gelassen. Sie verdrehte die Augen, "ja, ich weiß, sie quälen die ganze Zeit die Bienen." So ein bisschen: Jungs in dem Alter sind nun mal so. Stimmt vielleicht auch. Ja, vielleicht wird auch Piepsi eines Tages Tiere quälen. Aber ganz bestimmt nicht, wenn ich direkt daneben stehe. Fünf Minuten später passierte dann das Unvermeidliche: Einer der beiden Jungs wurde gestochen, Riesendrama, dicke Tränen. Einen unbeteiligten Erwachsenen erwischte es ebenfalls, von da an waren die Bienen in Sicherheit, ich aber dennoch erschrocken darüber, wie kackig kleine Kinder sein können. Und nachdem ich so oft dachte, wie schön es sein wird, wenn Piepsi etwas älter und selbständiger wird, dachte ich in diesem Moment nur: "Bitte bleib genau in diesem Alter stehen." Ja, sie ist manchmal bockig, ja, es ist manchmal anstrengend mit so einem Wirbelwind. Aber noch ist sie nicht in der Lage, mir ins Gesicht zu lügen und eine derartige Grausamkeit an den Tag zu legen. Bei Tieren ist immer noch ein großes "eiiiiii" angesagt.
Übrigens: Ich kenne auch den umgekehrten Fall. Eine Freundschaft, die fast daran zerbricht, dass der Partner der einen Freundin das Kind der anderen nervig findet. Auch eine spannende Geschichte. Und Stoff für einen neuen Blog-Beitrag.

Kinder mit Temperament

Mittwoch, 17. Juni 2015

Hurra, Piepsi ist 1,5 Jahre alt! Und startet mit Anlauf in die Trotzphase. Das ist wundervoll, großartig, ganz wichtig für die Entwicklung! Sagen die Erzieher. Ich sage: puh.
Es ist erstaunlich, wie sehr sich Kinder in diesem Alter schon in ihrem Temperament unterscheiden. Waren im ersten Babyjahr alle noch irgendwie - naja - Babys eben, kann man jetzt schon kleine Charakterstudien betreiben. Da sind diese schüchternen, etwas ängstlichen und sehr verschmusten Kinder, die gerne lange Spaziergänge im Kinderwagen unternehmen, mit großen Augen in die Welt schauen und dabei verträumt an einem Butterkeks lutschen. SO hatte ich mir eigentlich immer mein Kind vorgestellt. Allerdings ist mein Kind SO: Nach neun Stunden Schlaf springt sie morgens um 5 um unser Bett herum, zerrt an unserer Bettdecke, nimmt schließlich unsere Kleidung, die auf einem Stuhl liegt, wirft sie vor unser Bett, zeigt mit kleinem Finger darauf und quietscht: "Auf!" Nach acht Stunden Büro hole ich sie schließlich von der Krippe ab (unter Protest, da sie gerade so schön im Sandkasten buddelte), gehe mit ihr zum Kinderturnen, wo sie erst einmal eine halbe Stunde im Akkord rutscht, dann fünfzehn Minuten auf dem Trampolin hopst und dabei vergnügt "Hupf, hupf, hupf!" schreit und schließlich, während andere Mütter mit ihren Kindern schon Äpfelchen kauen, kuscheln und die Schuhe wieder anziehen, es für eine gute Idee hält, sämtliche Bälle aus dem Bällebad zu schleudern und wieder einzusortieren. "Duhuuu, wollen wir nicht mal langsam nach Hause gehen?" Große blaue Augen sehen mich erstaunt an. Wie? Jetzt schon? Daheim angekommen, rennt Piepsi dann erst einmal zur Stereoanlage: "An!" Es folgt 357 Mal in Folge das Lied "Unser kleiner Bär im Zoo" (jedes andere ist derzeit inakzeptabel), zu dem entsprechend gehüpft (hupf! hupf!), gestampft und getanzt werden muss. Wobei ich mich irgendwann zwischen dem 231. und dem 242. Mal davongeschlichen habe, um Abendbrot zu machen. Als meine Tochter bemerkt, dass ich mich vom Acker gemacht habe, kommt sie schließlich mit Schuhen und Jacke in der Hand in die Küche. Spielplatz-Zeit! Ja, von wegen!
Also, keine Ahnung, woher meine Tochter diese Energie hat - von mir jedenfalls nicht. Ich bin eher der müde Typ. Eigentlich bin ich immer müde. Und wie ist es, so ein aufgewecktes und temperamentvolles Kind zu haben? Wundervoll, großartig, tolle Entwicklung. Und sauanstrengend. Zumal sich das Temperament ja auch in anderen Situationen zeigt. Wenn ich irgendwann doch einmal beschließe, dass es jetzt gut ist mit dem kleinen Bären im Zoo. Oder wenn ein anderes Kind auch einmal auf die Rutsche will. Wenn ich nicht gewillt bin, fünf verschiedene Brotaufstriche zu servieren. Oder ich beschließe, dass das Badewannenwasser jetzt wirklich einmal kalt ist. Dann weiß sich meine Tochter lautstark bemerkbar zu machen. Ich habe höchsten Respekt vor dem, was sich da Autonomiephase nennt. Besser gesagt: Ich habe Schiss. Es ist mir peinlich, wenn sie im Supermarkt anfängt zu weinen, weil sie die Bananen nicht direkt aus dem Einkaufswagen herausfischen und verputzen darf. Oder wie eine Bekannte es einmal ausdrückte: "Ab jetzt muss man erziehen. Und das ist doof." Immerhin habe ich es geschafft, beim Kampf um einen Brotaufstrich sie zu einem "Bitte" und "Danke" zu bewegen. Und es ist so einfach unglaublich niedlich, wenn sie mit ihrem kleinen Finger auf den Käse zeigt und "Biiiiiiiedäääää" sagt. Manchmal sagt sie statt "Biiiiedäää" auch "Pipi". Aber das lass ich mal gelten.

Aktenzeichen XY und alleine im Wald

Donnerstag, 4. Juni 2015

Letzte Nacht habe ich schlecht geschlafen. Nein, mit Piepsi hatte das diesmal nichts zu tun. Oder vielleicht doch. Denn gestern Abend habe ich Aktenzeichen XY gesehen. Zum ersten Mal seit gefühlt zwanzig Jahren, da mich crime eigentlich nicht wirklich interessiert. An der gestrigen Sondersendung über verschwundene Kinder bin ich jedoch dran geblieben. Und mir wurde es eng ums Herz.
In der Vor-Baby-Zeit habe ich mich kaum für die Schicksale verschwundener Kinder interessiert, nicht einmal für die ganz großen Fälle wie Maddie McCann oder Peggy. Viel mehr als die Schlagzeilen oder den groben Verlauf der Ermittlungen habe ich nicht wahrgenommen. Jetzt, da ich selbst Mutter bin, sind diese Nachrichten kaum zu ertragen - auch wenn der Kommissar in der Sendung sagte, dass in 99 Prozent der Fälle verschwundene Kinder schon nach wenigen Stunden wieder wohlbehalten wieder auftauchen. Aber schon 1 Prozent ist zu viel.
Ich habe Peggys Mutter in der Sendung gesehen, der journalistisch dämliche Fragen à la "Wie fühlen Sie sich?" gestellt wurden. Wie sie erzählte, dass sie sich ausmalt, wie ihre Tochter wohl jetzt mit Anfang 20 aussehen mag, während in meinem Kopf der Gedanke aufpoppte: "Aber die ist doch sicherlich längst tot." Unaussprechlich. Und wäre ich an der Stelle von Peggys Mutter - natürlich würde auch ich die Hoffnung nie aufgeben.
Aber was tun, um das eigene Kind zu schützen? Bei dem Gedanken, dass jemand meine Tochter anfassen könnte - nein, unvorstellbar, undenkbar, nicht von dieser Welt. Soll ich sie nun einsperren? Ihr elektronische Fußfesseln in Form von Überwachungs-Apps anlegen, die in den USA inzwischen recht verbreitet sind? Soll ich zum Superhelikopter mutieren?
Ich erinnere mich, wie ich selbst als Kind stundenlang alleine im Wald hinter unserem Haus gespielt habe. Und dort gerne an Stellen, an die sich kaum Spaziergänger verirrten. Angst hatte ich damals nie. Und das, obwohl mir eine Klassenkameradin, die in der Nähe wohnte, Gruselgeschichten über dieses Wäldchen erzählte. Man solle da eine Babyleiche in einem Müllsack gefunden haben, sagte sie mir. Ich habe nie überprüft, ob an dieser Geschichte etwas dran war.
Ich erinnere mich auch daran, wie wir die Augen verdrehten bei Sätzen wie: "Steig nie in fremde Autos ein!" Damals nervte mich das. Heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich darüber nachdenke, was es mit diesem Satz auf sich hat. Als Kind habe ich mich ehrlich gesagt nie genau gefragt, warum ich nicht in fremde Autos einsteigen sollte. Wahrscheinlich dachte ich, ein Fremder könnte mich ausrauben, was bei meinem Taschengeld von einer Mark am Sonntag lächerlich gewesen wäre. Auf den Gedanken, dass sich jemand mir nähern will, wäre ich nie gekommen - ich war in dem Alter doch kaum aufgeklärt und wäre in den kühnsten Träumen nicht auf den Gedanken gekommen, dass erwachsene Männer sich für mich interessieren könnten.
Peggy ist nicht in einem abgelegenen Wäldchen verschwunden, sondern auf den letzten 50 Metern ihres Schulweges in einem kleinen, beschaulichen Dorf. Eine totale Sicherheit gibt es für unsere Kinder nicht. Uns Eltern bleibt nur übrig, unsere Kinder wehrhaft zu machen. Meine Kleine:
Nimm nie Süßigkeiten von einem Fremden an.
Geh nie mit einem Fremden mit.
Steig nie zu einem Fremden ins Auto.
 
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