Nie wieder..

Montag, 27. Juli 2015

An diesem Sonntag wollte ich sterben. Ich wollte schon manches Mal in meinem Leben sterben. Allerdings war ich da Studentin, kinderlos - und habe Alkohol deutlich besser vertragen. Insofern beruhigte es mich sehr, dass mich gegen Mittag eine Whats-app-Nachricht einer kinderlosen Freundin erreichte: "Ich liege im Bett und kann mich nicht mehr bewegen." Die Sache mit dem Weggehen als Mutti ist ja so: Der Abend ist gar nicht so das Problem. Sondern der Morgen danach.
Ich erwarte kein Mitleid, mein Schicksal ist selbst erwählt.
Ich WUSSTE, dass ich Sonntagvormittag alleine mit Piepsi sein würde, da mein Mann arbeiten musste. Ich WUSSTE, dass sie natürlich zu einer komplett unmenschlichen Zeit aufstehen würde und natürlich WUSSTE ich, dass sie niemals auf eine "kranke" Mutti Rücksicht nehmen würde. Und schließlich soll meine kleine Tochter auch nicht darunter leiden, dass Mutti es total übertrieben hat und ihre Grenzen nicht kennt.
Als ich die zweite Whats-App-Nachricht mit dem Inhalt "An Aufstehen ist nicht zu denken" erhielt, hatte ich schon folgende Dinge getan:
- 1 Spaziergang mit Piepsi
- 4 frische Brötchen gekauft, während Piepsi ein Mini-Laugenbrötchen abgestaubt hat
- eine Ladung Schmutzwäsche angeschmissen
- eine Ladung Geschirr aus der Spülmaschine geräumt
- 17 Mal Aramsamsam gesungen
- 34 Mal Schaf und Bär zugedeckt
- 3 Kackwindeln entsorgt
- 2 Portionen Vollkornnudeln mit Zucchini gekocht
- 1 Hochstuhl von Resten von Vollkornnudeln mit Zucchini befreit
Äußerlich war ich eine prima Mutti. Innerlich ein Komposthaufen. Nach einem gemeinsamen Mittagsschlaf wurde es besser. Nachmittags war ich sogar in der Lage, mich mit Freunden im Garten zu treffen, Kuchen zu essen, meine tränenden Augen hinter dunklen Sonnenbrillengläsern zu verstecken und unseren Kindern beim Spielen zuzusehen. Dennoch war ich froh, dass auch dieser Tag vorüberging. Rock'n'Roll war definitiv gestern. Ich bin nicht nur Amateurmutti, sondern auch Amateurfeiertante. Wird Zeit, dass Piepsi ins Alter kommt, in dem sie mir Frühstück ans Bett bringen kann. Frühstück und eine Aspirin.

Wie machen die das bloß?

Donnerstag, 16. Juli 2015

Im ersten Jahr mit Baby habe ich viele dumme Sätze gesagt. Einer der dümmsten war wahrscheinlich: "Ich glaube, sie zahnt." Ich meine, dass ich ihn zum ersten Mal geäußert habe, als Piepsi gerade mal drei Monate alt war. Der erste Zahn ließ sich allerdings erst nach sieben Monaten blicken. Wann immer meine kleine Tochter unleidlich war, zahnte sie oder steckte in einem Entwicklungsschub. So kam ich durchs erste Jahr.
Ein anderer Satz, den ich ziemlich oft gesagt habe - den sage ich auch heute noch. Und das voller Überzeugung: "Wie machen die das bloß?" Gemeint sind alleinerziehende Väter oder Mütter. Ernsthaft. Ich könnte mir es nicht vorstellen, dieses Familiending alleine durchzuziehen. Ich weiß: Manchmal hat man gar keine andere Wahl. Manchmal sind Trennungen unausweichlich, manchmal stirbt ein Partner. Und plötzlich ist man alleine. Mit Kind. Oder sogar mit Kindern. Ja, da wäre natürlich auch der finanzielle Aspekt, der mir Sorgen bereiten würde. Aber der ist so abstrakt, dass ich ihn mir derzeit gar nicht vorstellen könnte. Aber die Organisation des gesamten Lebens, wenn man auf einmal alleine dasteht, stellt mich vor die verdammte Frage: "Wie machen die das bloß?" Wir sind zu zweit manchmal schon am Limit. Früher hatte ich alle meine Termine im Kopf. Heute brauche ich einen Kalender. Da ich sehr früh arbeite, ist mein Mann morgens allein mit Kind - und das ist schon eine gewisse Leistung, ein anderthalbjähriges, äußerst aufgewecktes Mädchen zu waschen und anzuziehen, selbst noch irgendwie zu duschen, ohne dass die Kleine die Wohnung auseinandernimmt und sich selbst verstümmelt. Wenn er dann noch versucht, den Frühstückstisch abzuräumen und abzuspülen, ehe es mit der Kleinen in die Krippe und anschließend zur Arbeit geht, hat er oft ein nörgelndes Kind am Bein hängen, das um etwas Aufmerksamkeit bettelt - und oft genug auch bekommt. Nachmittags bin dann ich allein mit Kind, bis mein Mann abends von der Arbeit kommt. Ich versuche, was eben möglich ist. Aber irgendjemand hat mal bei Twitter geschrieben: "In Anwesenheit eines Kindes die Wohnung zu putzen, ist etwa so effektiv wie Zähne putzen und gleichzeitig Nutella-Brot essen." Einkäufe und Getränkekisten in den vierten Stock schleppen, dazu noch ein 12-Kilo-Bröckchen beaufsichtigen, das die Treppen noch nicht ganz sicher hochsteigen kann? Geht nicht. Muss der Partner machen, während der andere auf das Kind aufpasst. Überhaupt läuft es bei uns doch meistens so: Einer kümmert sich ums Kind, der andere kriegt irgendwas erledigt. Steuererklärung, Müll rausbringen, endlich mal das Frühstücksgeschirr spülen.
Sicher: Piepsi wird älter werden, Verständnis dafür entwickeln, dass wir eben mal fünf Minuten etwas wirklich Wichtiges regeln müssen, sie wird mehr und mehr lernen, sich selbst zu beschäftigen und auch mal zehn Minuten alleine in der Wohnung sein, während einer von uns im Keller die Wäsche aufhängt. Und Alleinerziehende?  Was machen die, wenn sie keine Verwandten in der Nähe haben, wenn ihre Freunde voll berufstätig sind und ihnen daher tagsüber auch nicht zu Seite stehen können? "Wie machen die das bloß?" Sie machen es. Und sicher nicht besser oder schlechter als wir. Aber doch sehr viel komplizierter, aufwendiger und kräfteraubender. Alle Achtung.

Ich will nicht mit dir spielen

Freitag, 10. Juli 2015

Eigentlich lerne ich sehr schwer andere Menschen kennen. Denn trotz großer Klappe bin ich  extrem schüchtern und breche mir komplett einen ab, ehe ich mich dazu durchringe, jemanden mal auf einen Kaffee einzuladen. Eigentlich. Aber jetzt bin ich Mutti. Und als Mutti lernt man ständig andere Eltern kennen. Ob man nun will oder nicht. Das kann einen manchmal in schwierige Situationen bringen.
Neulich im Schuhladen: Für Kinder Schuhe zu kaufen, gehört nun nicht gerade zu den Höhepunkten im Familienleben. Schon gar nicht in diesem einen Laden, der eigentlich eher ein Werksverkauf ist, so dass diese furchtbar teuren Kinderschuhe dort nicht mehr furchtbar teuer, sondern einfach nur noch teuer sind. Unter Eltern spricht sich so etwas schnell rum, so dass Piepsis halbe Krippe dort einkaufen geht. Und eben auch diese eine Mutter, die ich überhaupt nicht kannte.
Aber sie kannte Piepsi. Ihr Sohn ist regelrecht vernarrt in meine Tochter und kam sofort mit zwei Schuhkartons bewaffnet auf sie zugetorkelt. Die Mutter stellte sich mir vor, sie seien ja noch recht neu in der Krippe, ja, meinen Mann habe sie morgens schon mal getroffen, jetzt lerne sie ja auch mich einmal kennen, Piepsi würde morgens immer so süß mit ihrem Kleinen spielen, und schließlich: "Was macht ihr denn in den Ferien? Wollen wir nicht zusammen auf den Spielplatz gehen?"
Dieser Redeschwall ergoss sich über mich, während ich schweißgebadet nach Schuhschnäppchen suchte und gleichzeitig verzweifelt versuchte, Piepsi davon abzuhalten, sämtliche Regale leerzuräumen. Dazu hatte sie sich auch noch ihre eigenen Schuhe ausgezogen und in einen der umherstehenden Schuhkartons verpackt, die sich bis kurz unter die Decke stapelten.
Ich sah die Mutter einmal an und wusste: "Nein, das will ich nicht."
Denn vor mir stand eine junge Frau, bei der ich mir sofort sicher war, dass wir uns NICHTS, aber auch GAR NICHTS jenseits von Kinderblabla zu sagen haben. Es ist schwer zu beschreiben, warum ich mir so sicher war, und natürlich kann einen auch einmal die Menschenkenntnis im Stich lassen. Aber schließlich ist es doch ein bisschen wie beim Speed-Dating: Manchmal weiß man schon nach fünf Minuten, dass das nichts werden kann. Und hier war ich mir einfach komplett sicher, NICHT meine zukünftige beste Freundin vor mir stehen zu haben. Dabei muss ich sagen, dass ihr Sohn zuckersüß ist. Ich hätte absolut nichts dagegen, wenn er sich mit Piepsi zum Spielen treffen würde. Leider sind unsere Kinder jedoch noch nicht im Alter, sich ohne Muttis zu verabreden. Und der Gedanke, mit dieser Mutter verkrampfte Gespräche auf dem Spielplatz zu führen... puh. Das ist mir ehrlich gesagt zu anstrengend. Dafür kenne ich einfach schon zu viele andere Muttis, mit denen ich mich gerne treffe, lästere, lache. Mit denen ich mir auch so, jenseits dieses ganzen Kinder-Dingsbums einiges zu sagen habe.  Aber wie sage ich das nun dieser anderen Mutter, ohne verletzend zu sein?
Ich weiß es nicht. Ich weiß es bis heute nicht. Um ein Play-Date in den Ferien komme ich leicht herum, da wir erst verreisen und anschließend Besuch bei uns haben. Und dann? Muss ich wohl zu Notlügen greifen. Oder hat jemand einen Tipp für mich?


 
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