Die lieben Kollegen

Donnerstag, 24. September 2015

Kürzlich saß ich beim Frisör und hatte bedenklich viel Alufolie auf dem Kopf, als das Telefon am Empfang klingelte. Meine Frisörin wurde gerufen und kam wenige Minuten später mit roten Stresspünktchen im Gesicht zurück. Der Kindergarten habe angerufen, ihre Tochter sei krank, Magen-Darm, und sie erreiche ihren Ex-Mann nicht, müsse jetzt dringend weg. Eine Kollegin springe für sie ein, ob das denn okay für mich sei? Die Kollegin einen Tisch weiter lächelt gequält. Und ich so: Kenn ich. Hatte ich letzte Woche. Also nicht Magen-Darm, sondern ein krankes Kind. Und Kollegen, die mal eben einspringen mussten. Und das ganz ohne zu murren.
Irgendwo in den Tiefen des Netzes habe ich vor ein paar Wochen einen Artikel darüber gelesen, wie ätzend es ist, Mütter und Väter, die es ernst meinen, als Kollegen zu haben. Ständig müssen sie früher (oder sehr pünktlich) weg, ständig kommen sie wegen irgendwas zu spät, ständig ist das Kind krank, und ist das Kind dann wieder gesund, dann werden sie selbst krank, weil sie sich angesteckt haben. An Feiertagen haben sie generell keine Zeit, am Wochenende ebensowenig, weil: Familienzeit. Hinzu kommt die Elternzeit. Ein Jahr oder ein halbes ginge ja noch, meinte letztens ein Kollege zu mir. Das werde ja häufig noch irgendwie personell überbrückt. Schwieriger sei es, wenn Väter (oder Mütter) monatsweise ausfielen. Vier Wochen hier und vier Wochen da. Diese Zeit muss nämlich komplett vom Rest der Mannschaft gewuppt werden. Ähnlich wie die Zeiten, in denen Kollegen wegen Krankheit oder einer Kur ausfallen. Ach ja, Vater-Mutter-Kind-und-Kegel-Kuren gibt es ja auch noch.
So. Und wie kriege ich jetzt in diesem Text noch die Kurve hin zu dem Punkt, an dem ich zu dem Schluss komme, dass Eltern die tollsten Kollegen ever sind? Ich könnte jetzt sagen: Eltern sind extrem stressresistent, mega-multitasking-fähig, brauchen eigentlich auch null Schlaf und haben tatsächlich noch ein Leben jenseits des Jobs, was für dieses ganze Charakterdingens auch nicht gerade schlecht ist. Das mag auch alles stimmen. Dennoch bleibt es dabei: Eltern sind angreifbar, verletzlich und brauchen Extrawürste. Als ich noch keine kleine Tochter hatte, konnte ich arbeiten - immer. Und ich habe es gerne getan. Ich war richtig angefixt und habe auch lange nach Dienstschluss noch Emails gelesen und beantwortet, weiterrecherchiert und geschrieben. Wochenenddienste, Spätschicht, Frühschicht, Dienst an Heilig Abend - war alles machbar. Ist es jetzt nicht mehr. Und wenn Piepsi krank ist, dann müssen meine Kollegen einspringen. Da kann ich noch so stressresistent sein - das bringt meinen Kollegen nichts, wenn ich im Büro fehle, weil ich Fieberzäpfchen in einen kleinen Kinderpopo schieben muss. Gegen ein schlechtes Gewissen hilft nur dies: Piepsi wird älter - und meine Kollegen Eltern. Irgendwann bin ich der alte Sack im Büro und werde mir gerne Kinderkacke-Geschichten von Jüngeren anhören. Und wenn die dann Fieberzäpfchen schieben müssen, schiebe ich dann eben die Extraschicht. Generationenvertragsmäßig.
Die Frisörskollegin hat übrigens einen ziemlich guten Job gemacht. Und sie war nicht einmal genervt dabei, sondern richtig freundlich. Ob sie Kinder hat, weiß ich nicht. Vielleicht ist sie einfach nur nett.

Der orangene Held der Entsorgung

Donnerstag, 17. September 2015

Eigentlich habe ich ja immer gedacht, dass Journalistin ein ganz cooler Beruf sei. Von wegen. Um meine kleine Tochter zu beeindrucken, hätte ich zur Müllabfuhr gehen müssen! Wenn die hier donnerstags vorfährt, flippt Piepsi nämlich komplett aus: Sie rennt ans Fenster: "Affuu, toooohs, Affuu gucken!" Für all diejenigen, die nicht Piepsisch sprechen, heißt das übersetzt: "Abfuhr, groß, Abfuhr angucken."
Verschwindet die Müllabfuhr blinkend aus dem Blickfeld meiner kleinen Tochter, dann kann es schon einmal Tränen geben. Damit sie nicht ganz so traurig ist, habe ich inzwischen aus der Edition "Meine allerliebsten Fahrzeuge" den Band "Müllabfuhr" besorgt. Und muss mir nun ständig Müllcontainerbilder anschauen. Wenn das nicht mehr hilft, dann darf es auch mal auf dem iPad das 70er-Jahre-Sendung-mit-der-Maus-Original "Die 6 von der Müllabfuhr" sein. Zudem haben wir herausgefunden, dass wir jeden Dienstag, wenn wir ein kleines bisschen eher zur Krippe losfahren, noch die Müllabfuhr dort abpassen können. Die Müllmänner kennen meine kleine Tochter übrigens schon - und führen für sie schon einmal ein Tänzchen auf oder verbeugen sich vor dem Zwerg, der vor Vergnügen in die Hände klatscht, laut lacht und vor Begeisterung auf der Stelle hüpft. "Affuu, toooohs, Affuu, daaaa!" Keine Ahnung, was die darüber denken, dass sich jemand derart für ihre Arbeit erwärmen kann. Und ich glaube, ich habe mich noch nie in meinem Leben so viel mit unserem Recyclingsystem beschäftigt wie in den vergangenen Wochen. Das einzige Problem sind nun alle Wochentage außer Dienstag und Donnerstag. Die Tage ohne Affuu. Vielleicht sollte ich mir mal den hiesigen Müllabfuhrkalender besorgen. Und unsere Tagesausflüge daran ausrichten. Ganz im Sinne des Kleinkindmülltourismus.

Gastbeitrag: Babysachen kaufen - eine Kunst für sich

Samstag, 12. September 2015

Aaaaaausnahmsweise hat an dieser Stelle auch mal der Papa etwas zu sagen. In einem Gastbeitrag erinnert er sich an die Zeit, als ich schwanger war und wir irgendwie noch irre viel erledigen mussten...:

Und dann sagte die Ehefrau – damals, lange bevor das Baby kam  – "So." Jetzt müsste aber mal langsam etwas für die Kleine gekauft werden. In drei oder vier Monaten käme das Piepsi und der neu aufgebaute Schrank sei noch komplett leer. Da müssten mal ein paar Klamotten rein, damit das Kind zumindest eine Grundausstattung zur Verfügung hätte. Auweia. Damals hatte ich als baldiger Piepsi-Papa von Babysachen noch ungefähr soviel Ahnung wie von Atomphysik. Aber wenn Mutter Rabe zum Großeinkauf bläst, ist Protest meistens zwecklos. Also fuhr die werdende Kleinfamilie mit zwei Erwachsenen und dem Baby im Mamabauch in den Kinder-Großmarkt. Und war dort hilflos überfordert. Vor allem der Piepsi-Papa. 

Was soll ich sagen? Heute weiß ich so viele Dinge, die mir damals noch schleierhaft waren. Dass Babys zum Beispiel diese praktischen Bodys tragen können, die man unten zuknöpft (oder vor dem Bauch zusammenbindet) – naja, das hatte einem noch keiner gesagt. Dass die meisten Babys mit einer Kleidergröße 56 gut ausgerüstet sind und alles, was darunter liegt, schon bei Geburt zu klein sein dürfte. Oder dass alles, was mit vielen filigranen Knöpfchen und Schleifchen ausgestattet ist, für Babys grundsätzlich ungeeignet ist, weil ein Baby das Anziehen total dämlich findet und das große Strampeln und Abwehren anfängt.

Von diesem Riesenberg an Kleidung, Decken und sonstigen Tools in verschiedensten Ausführungen und Größen komplett überfordert, waren es bald zwei runde schwarze Knopfäuglein, die den Papa beruhigend anguckten. Mitten im Stofftier-Regal, zwischen hässlichen rosa Knautschbällen mit psychedelisch-großen Kulleraugen, hockte ein kleiner, hellbrauner Bär der Marke „Guter alter Klassik-Teddy“ und lächelte den Piepsi-Papa beruhigend an. So ein toller Teddy – na, der musste mit, das war klar! Und so fuhr die Kleinfamilie alsbald wieder nach Hause. Mit nichts als einem Teddy in der Einkaufstüte. Die Ehefrau war halb amüsiert und halb grummelig, gab aber später zu, von den vielen Einkaufsmöglichkeiten auch erstmal eingeschüchtert gewesen zu sein.

Was wir damals auch nicht wussten: Ein Baby kann mit einem Teddybären ungefähr soviel anfangen wie mit… öhmm…. Atomphysik. Aber gelohnt hat sich das trotzdem. Denn heute hat der kleine Teddy einen Namen – Bruno – und wird vom zwanzig Monate alten Piepsi stets gerne ins zweigeschossige Puppenbettchen gelegt und liebevoll zugedeckt. Vorher bekommt Bruno noch eine Postkarte mit dem Sandmann drauf gezeigt, weil man ja vor dem Schlafengehen den Sandmann angucken muss, das ist Familienritual (mittlerweile). Und wenn Mutter Rabe und der Piepsi-Papa so auf Bruno gucken, erinnert sie das immer an diesen ersten missglückten Großeinkauf, der keiner war.
Ach so, und Kleidung hatten wir bald übrigens auch genug. Kurz nachdem wir Teddy Bruno gekauft hatten, rief eine ehemalige Kollegin an: Ob wir nicht Babykleidung gebrauchen könnten, sie würde säckeweise Sachen verkaufen. Mit einer dicken dicken Tüte für unter 50 Euro im Arm war der Kleiderschrank gefüllt, die Mama Rabe zufrieden – und die angehenden Eltern hatten eine erste Ahnung, was man so gebrauchen kann. Und was nicht. 

  

Dr. Jekyll und Mr. Hyde: Willkommen in der Trotzphase

Mittwoch, 2. September 2015

Meine kleine Tochter ist gerade in der Dr.Jekyll-und-Mr.Hyde-Phase.
In ihren guten Momenten ist sie so: bezaubernd niedlich und sehr fürsorglich. Wenn sie etwas zu essen hat, ist ihr sehr wichtig, dass alle anderen auch etwas zu essen bekommen. Und wenn wir unsere Portion aufgegessen haben, dann fragt sie: "Mehr?" Hier soll ja schließlich niemand hungrig den Tisch verlassen. Kleine Babys liebt sie, will sie immer streicheln, sie zudecken und ihre Händchen halten. Wenn man sich irgendwo gestoßen hat, dann fragt sie: "Aua gemacht?", pustet dann auf die Stelle und fragt: "Besser?" Wenn irgendwo ein Kind weint, sagt sie: "Baby weint!" und: "Arm!" - was bedeutet, dass man das Kind auf den Arm nehmen und trösten soll.

In der Mr. Hyde-Phase ist Piepsi so: unausstehlich. Das Schlimmste ist ihre Schaukel-Obsession. Sie liiiiiebt es zu schaukeln. Aber wehe, es nähert sich ein anderes Kind der S. Und selbst wenn Piepsi auf dem Spielplatz oder in der Krippe gerade einmal nicht selbst auf der Schaukel ist, brüllt sie erst einmal laut: "MEINS!", wenn es ein anderes Kind wagt, auch einmal zu schaukeln. Seit Piepsi immer häufiger aufs Töpfchen will, sieht sie es auch nicht mehr ein, anschließend eine Windel anzuziehen. Auch Hosen werden völlig überbewertet. Ach ja, Schuhe sind auch doof. Mein persönlicher Tiefpunkt in dieser Woche: Ich versuchte, mein Kind von der Krippe abzuholen. Dort spielte sie gerade friedlich mit ihrer Freundin, gemeinsam schoben sie eine Puppe durch den Flur und deckten ihr Baby brav zu. Definitiv Dr. Jekyll. Aber dann kam ich. Ich sah dem Treiben kurz zu, versucht meiner kleinen Tochter zu verklickern, dass wir jetzt nach Hause müssen, und als sie daraufhin erst einmal lachend ins hinterste Eckchen der Krippe rannte, nahm ich sie schließlich auf den Arm, mit der Folge: Tobsuchtsanfall. Einer dieser extrem krassen, der anderen Kindern, Erziehern und auch mir echt Furcht einflößen kann. Wie kann ein so kleines, süßes Wesen nur so laut brüllen, zetern und toben?? Dabei noch blind um sich schlagen. Das ganze Leid dieser Welt, die geballte Ungerechtigkeit meines Treibens bekam ich zu spüren.

Ich WEISS ja, dass Besitzdenken und Wutanfälle normal sind für ein 20 Monate altes Kind. Und meistens kann ich da auch drüberstehen, auch wenn ich immer wieder von Eltern den Satz höre: "Unsere/Unserer trotzt eigentlich gar nicht." Aber an dem Tag konnte ich es nicht. Ratgeber sagen: "Die Autonomiephase ist sehr wichtig für die Entwicklung eines Kindes, Eltern dürfen Wutanfälle nicht persönlich nehmen." Aber ich bin ja nicht nur Mutter, sondern irgendwie auch Mensch. Und da habe ich diesen Wutanfall persönlich genommen. Es war mir peinlich. Ich war traurig. Ich habe an meiner Erziehung gezweifelt und mich gefragt, ob mein Kind irgendwie abnorm ist. Und ich habe zu meinem Mann gesagt, dass ich mich nach der Nummer gar nicht mehr in die Krippe traue. Aber natürlich muss ich da wieder hin. Und Piepsi muss lernen, Spielzeug zu teilen und manche Regeln zu befolgen. So leid es mir tut.
Heute früh bin ich dann übrigens neben Dr. Jekyll aufgewacht. "Kuckuck, Mama!" und Gekicher. Ach, Piepsi. Die Trotzphase - die packen wir auch noch!

 
© Design by Neat Design Corner