Peinlichkeiten, die eine Mutter ertragen muss

Freitag, 30. Oktober 2015

Letztens war ich mit einem kinderlosen Paar abends zum Essen verabredet, und wir sprachen so über dieses und jenes und natürlich auch über Piepsi. Ich sagte so das Übliche, nämlich wie großartig meine kleine Tochter ist - und wie anstrengend. Und fragt mich nicht, in welchem Zusammenhang ich es tat, jedenfalls erwähnte ich auch, dass es mich manchmal wirklich nervt, dass meine kleine Tochter mich sogar aufs Klo begleitet. Woraufhin der männliche Paar-Part den Kopf schüttelte und sagte: "Nein, also da hört es doch echt auf." Und zu seiner Partnerin: "Wenn es mal bei uns soweit ist, dann kann ich dir jetzt schon sagen, dass ich garantiert nicht mein Kind mit auf die Toilette nehme."
Alle Muttis und Vatis unter uns werden an dieser Stelle milde lächeln und sich an die Zeit VOR dem Kind erinnern. Damals, als man sich so ausmalte, was man später einmal ganz bestimmt nicht und ganz bestimmt anders machen wollte. Ich zuckte schließlich mit den Schultern und meinte: "Ganz ehrlich. Da gibt es echt Schlimmeres, was ich so mache oder gemacht habe."
Okay, anbei die fünf dämlichsten und nervigsten Sachen, die ich seit der Existenz meiner kleinen Tochter so getrieben habe oder noch treibe:

5. Grenzwertig Auto fahren: Als meine kleine Tochter frisch auf der Welt und noch sehr schreiig war, habe ich die Kunst des einhändig Autofahrens perfektioniert. Und das ohne Automatik! Denn mit einer Hand musste ich immer ein kleines Kontrollhändchen festhalten, das mir aus dem Maxi Cosi entgegengestreckt wurde.
4. Grenzwertig schlafen: Es soll ja Eltern geben, die Nacht für Nacht in ihrem Bett schlafen, während das Kind einen Raum weiter im eigenen Bett schläft. Bei uns ist das derzeit so, dass mein Mann oder ich auf einer Matratze neben Piepsi schlafen. Sobald sie wach wird und nicht mehr alleine in den Schlaf findet (über das Thema "durchschlafen" wollen wir an dieser Stelle nicht reden), halten wir durch die Gitterstäbe des Bettes Händchen. Nach einer gewissen Zeit schläft sie so wieder ein. Das klingt womöglich etwas erniedrigend, ist aber derzeit einfach für alle Beteiligten am unstressigsten. Ich habe keine Lust, dreimal pro Nacht ins Nachbarzimmer zu flitzen und auf einem Stuhl zu dösen.
3. Grenzwertige Brüste: Fiel gerade das Wort erniedrigend? Nun, das mag ja alles Geschmackssache sein. Aber ich persönlich habe kaum etwas so erniedrigend gefunden wie eine Milchpumpe. Wenn ich nur an das Geräusch denke, bekomme ich schon wieder eine Gänsehaut.
2. Grenzwertig essen: Am Anfang wohnte mein Baby ja auf mir, so dass es mir nicht möglich war, mit zwei Händen (geschweige denn Messer und Gabel) zu essen. Dies führte zu einem Revival des Schnittchen-Tellers. Mein Mann fütterte mich und wir erhielten so einen kleinen Ausblick aufs Alter. Später durfte ich dann zwar wieder mit beiden Händen, dafür aber auch mit einer unfassbaren Sauerei essen. Denn das Essen meiner kleinen Tochter landete in ihrem Bauch und auf ihrem Bauch. Und auf meinem Bauch. Und auf dem Tisch. Und unter dem Tisch.
1. Grenzwertige Musik: Früher liefen zu Hause Belle & Sebastian und Pink Floyd, heute Rolf Zuckowski und Fredrik Vahle. Statt Dark Side of the Moon höre ich heute Nackidei und Anne Kaffeekanne. Mein Gehirn ist inzwischen so weich, dass es mich nicht einmal mehr besonders stört und ich manchmal sogar mitsinge. Nur falls Tabaluga hier eines Tages einziehen sollte, werde ich ganz bestimmt ausziehen.

So. War noch was? Ach ja, meine kleine Tochter will mir auf dem Klo immer zusehen. Ja und? Irgendwie muss sie es doch lernen. Der Duft, den so ein Windelmülleimer verströmt, wird es nämlich auch ganz sicher nicht unter die Top 5 der schönsten Muttimomente schaffen.

Ich bin dann mal krank

Freitag, 23. Oktober 2015

An diesem Montag mein Arzt so zu mir: "Mutter Rabe, Sie haben einen grippalen Infekt. Ich schreibe Sie den Rest der Woche krank. Bitte legen Sie sich ins Bett und schonen Sie sich."
Und ich so: "Und was mach ich mit meiner kleinen Tochter?"
Und er so: "Zur Adoption freigeben?"
Ich so: "Da muss ich mich mal erkundigen."
Er so: "In welchem Alter ist sie noch einmal?"
Ich so: "Fast zwei Jahre alt."
Er so: "Na wunderbar. Dann kommt sie so langsam in das Alter, in dem sie versteht, dass Sie gerade etwas außer Gefecht gesetzt sind, so dass die Gelegenheit günstig ist, die Wohnung einmal so richtig auseinanderzunehmen."
Ihr seht: Ich sollte mir einen neuen Hausarzt suchen. Bekanntermaßen steht geschrieben, dass Eltern kein Recht haben, krank zu werden. Seit Piepsi die Krippe besucht und regelmäßig die Seuche nach Hause schleppt, lässt es sich aber nicht ganz vermeiden. Wobei ich diesmal richtig Glück hatte:

1. Piepsi ging diese Woche in die Krippe, war also ausnahmsweise mal nicht zur gleichen Zeit krank. Ergo hatte ich tatsächlich jeden Tag ein paar Stunden komplette Ruhe. So komplett, dass es mich schon richtig nervös gemacht hat. Dieses Sich-schonen habe ich in den letzten 22 Monaten irgendwie völlig verlernt. Früher hatte ich kein Problem damit, einen Tag lang nur faul auf dem Sofa zu liegen. Heute habe ich das Gefühl, jedes Zeitfenster irgendwie effektiv nutzen zu müssen.
2. Piepsi kann seit ein paar Tagen etwas völlig Neues: sich selbst beschäftigen. Ich weiß, dass mich jetzt viele Eltern dafür hassen werden, dass ich das hier schreibe - und womöglich wird mich der Bloggerfluch einholen, und meine Tochter wird ab sofort nur noch auf meinem Arm leben wollen, und das, bis sie volljährig ist. In den letzten Tagen habe ich es aber tatsächlich erlebt, dass die Kleine komplett damit zufrieden war, Puppe und Teddy zu bekochen, zu wickeln, ins Bett zu bringen und nach gefährlichen Stürzen zu trösten. Zudem hat sie stundenlang (ernsthaft) ihre Kastanien sortiert, ausgekippt und eingesammelt. Unterbrechungen durch so sinnlose Tätigkeiten wie Wickeln, Essen oder Ins-Bett-gehen wurden mit entsprechendem Gequengel quittiert. Doch abgesehen davon war es mir wirklich möglich, faul auf dem Sofa zu liegen und Piepsi dabei zuzusehen, wie sie unser Wohnzimmer in ein Wimmelbild verwandelte.

Manche Dinge werden mit der Zeit also doch etwas einfacher. Nicht mehr lange, und ich werde mir im Krankheitsfall ein kleines Glöckchen zulegen. Und jedes Mal, wenn ich bimmle, wird mir Piepsi heißen Tee, ein Clever & Smart-Comic oder Kekse bringen. Da bin ich mir ganz sicher. Nicht mehr lange.

Es kommen gerade ziemlich viele Menschen

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich an dieser Stelle etwas zur Flüchtlingsdebatte schreiben soll. Einerseits ist schon so viel dazu gesagt worden, andererseits frage ich mich, ob dieses Thema zu einem Blog passt, der zwischen emo und lustig oszilliert, und was das Ganze eigentlich mit Piepsi zu tun hat. Allerdings glaube ich, dass man gar nicht genug darüber sprechen kann. Und die Frage, was das Ganze mit meiner kleinen Tochter zu tun hat, ist ohnehin dämlich. Denn es hat mit ALLEM zu tun. Und falls jemand denken sollte, dass ich bislang aus Ignoranz oder Desinteresse geschwiegen habe, dem sei gesagt: Die Flüchtlingskrise ist das Erste, was mich beschäftigt, wenn ich morgens in der Redaktion den Rechner hochfahre, und das Letzte, wenn ich ihn zum Feierabend ausschalte. Und treffe ich daraufhin Freunde und Bekannte, gibt es auch kein anderes Thema. Was gut ist.
Mir ausmalen, wie dieses Land in ein paar Jahren aussehen wird, kann ich nicht. Erstaufnahmelager wird es dann hoffentlich nicht mehr geben (müssen). Doch wie wird es sein, wenn meine kleine Tochter in die Schule kommt? Wird sie in ein womöglich viel friedlicheres Land hineinwachsen, in dem aus einem Ohnmachtsgefühl schließlich Dankbarkeit geworden ist? Werden die zugezogenen Flüchtlingen den demografischen Wandel aufhalten, die Rentenkassen füllen, das Gesundheitssystem retten und den Fachkräftemangel stoppen? Oder wird es in Deutschland künftig nötig sein, laut die Ärzte mitzusingen? Ich weiß es nicht. Und manchmal macht es mich fast wahnsinnig, es nicht zu wissen und keine Lösung zu sehen. Dann bin ich erschlagen von dem Hass, der aus zahlreichen Facebook-Kommentaren spricht. Und davon, dass in Deutschland tatsächlich wieder Asylbewerberunterkünfte brennen. Und dann denke ich mir, dass das doch eine bratzdämliche Minderheit ist und erinnere mich an die großartigen Münchner, die den ankommenden Flüchtlingen auf dem Bahnhof belegte Brote, Kleidung, Wasser und Teddybären schenkten, bis die Münchner Polizei irgendwann sagte: "Leute, es reicht. Wir wissen nicht mehr, wohin mit den Spenden." Das war ein kleines Sommermärchen. Jetzt ist Herbst.
In zwei Monaten werden in eine alte Schule etwa 100 Meter von unserem Haus entfernt 180 Flüchtlinge einziehen. Ich weiß noch nicht, wie meine Nachbarn reagieren werden: große Hilfsbereitschaft oder große Angst. Angst ist erst einmal okay, finde ich. Angst vor allem Fremdem ist erst einmal normal. Aber man muss sich ihr stellen, es darf kein Hass daraus enstehen.
Dabei gibt es natürlich auch diese Nachrichten: Schlägereien in Flüchtlingsunterkünften, Feueralarm aus Verzweiflung, Spendenaktionen, die völlig in die Hose gehen, weil sich Flüchtlinge um die Hilfsgüter reißen. Und zugleich stelle ich mir vor, wie es wäre: ich mit meiner kleinen Tochter in einer unbeheizten Unterkunft, und das kurz vor dem Wintereinbruch. Wenn es da um Winterkleidung für meine kleine Tochter ginge - würde ich da brav in der Reihe stehen oder mich vielleicht doch vordrängeln? Mal ehrlich: Ich werde ja schon im Supermarkt an der Kasse nervös.... Und es ist doch so: Derzeit kommen keine Syrer, Afrikaner, Wirtschaftsflüchtlinge oder Kriegsflüchtlinge zu uns. Sondern erst einmal ziemlich viele Menschen. Und wo ziemlich viele Menschen auf engem Raum zusammenleben und zur Untätigkeit verdammt sind - da gibt es Probleme.
Zum Glück muss ich nicht untätig sein. Ich habe Kinderkleidung gespendet, Koffer und Schuhe zum Erstaufnahmelager gebracht, Geld gespendet. Reicht das? Sicher nicht. Ein Kollege lässt einen Flüchtling bei sich wohnen, soweit könnte ich nicht gehen. Mir ist es ja manchmal mit meiner Familie schon zu viel. Ich kenne meine Grenzen. Und tue, was ich kann. Vor allem immer wieder darüber reden. Ohne Ängste zu schüren, ohne schönzufärben. Ich setze mich mit denen auseinander, die uns als Lügenpresse beschimpfen. Und mit denen, die sich überfordert fühlen. So wie ich mich manchmal überfordert fühle und mir eine etwas weniger komplexe Welt wünsche. Ein bisschen mehr schwarz-weiß, ein bisschen weniger grau, bitte.
Diese Woche habe ich mit Piepsi in der Krippe eine Laterne für den Martinsumzug gebastelt. Ich weiß gar nicht, wie viele Nationalitäten in der Krippengruppe vertreten sind. Es sind einige. Gespielt wird mit allen, es ist vollkommen normal, so wie es ist. Und vielleicht wird es für meine kleine Tochter auch später einmal in der Schule und im Berufsleben genauso sein: ganz normal.  Und normal finde ich ziemlich gut.

Welche Fee hätten'S denn gerne?

Samstag, 3. Oktober 2015

Kürzlich kam die Tochter einer Freundin mit einer neuen Puppe angerannt und antwortete auf die Frage, woher sie denn diese Puppe habe, mit: "Lullufee." Oder so ähnlich. Gemeint war jedenfalls die Schnullerfee. Die kam über Nacht, kassierte alle Schnullis ein, futterte sogar noch ein paar Kekse und ließ eine Puppe zurück. Und ich so zu meinem Mann: "Sollen wir auch mal so eine Schnullerfee organisieren?" Immerhin wird Piepsi bald zwei Jahre alt, und allzu lange sollte sie nicht an diesem Plastikteil hängen, das sie übrigens "Vorne" nennt. "Hinten" macht ja auch keinen Sinn.
Allerdings kamen wir zu dem Schluss, dass vor der Schnullerfee doch noch ein paar andere Feen mal bei uns vorbeischauen sollten. Die da wären:


  • Die "Ich-entscheide-mich-für-einen-Brotaufstrich-und-bleibe-dann-dabei"-Fee
  • Die "Ich-schlafe-alleine-ein-und-dann-zehn-Stunden-am-Stück"-Fee
  • Die "Ich-ziehe-immer-an-was-mir-rausgelegt-wurde"-Fee
  • Die "Ich-lasse-auch-andere-Kinder-einmal-auf-die-Schaukel"-Fee
  • Die "Ich-gehe-vier-Stockwerke-ohne-größere-Pausen-hoch"-Fee
  • Die "Ich-beschränke-meine-morgendliche-Töpfchensitzung-auf-15-Minuten"-Fee
Ich glaube, das wär's. Wenn diese Feen alle bei uns waren, dann kann auch gerne die Schnullerfee einmal vorbeischauen.
 
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