Es kommen gerade ziemlich viele Menschen

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich an dieser Stelle etwas zur Flüchtlingsdebatte schreiben soll. Einerseits ist schon so viel dazu gesagt worden, andererseits frage ich mich, ob dieses Thema zu einem Blog passt, der zwischen emo und lustig oszilliert, und was das Ganze eigentlich mit Piepsi zu tun hat. Allerdings glaube ich, dass man gar nicht genug darüber sprechen kann. Und die Frage, was das Ganze mit meiner kleinen Tochter zu tun hat, ist ohnehin dämlich. Denn es hat mit ALLEM zu tun. Und falls jemand denken sollte, dass ich bislang aus Ignoranz oder Desinteresse geschwiegen habe, dem sei gesagt: Die Flüchtlingskrise ist das Erste, was mich beschäftigt, wenn ich morgens in der Redaktion den Rechner hochfahre, und das Letzte, wenn ich ihn zum Feierabend ausschalte. Und treffe ich daraufhin Freunde und Bekannte, gibt es auch kein anderes Thema. Was gut ist.
Mir ausmalen, wie dieses Land in ein paar Jahren aussehen wird, kann ich nicht. Erstaufnahmelager wird es dann hoffentlich nicht mehr geben (müssen). Doch wie wird es sein, wenn meine kleine Tochter in die Schule kommt? Wird sie in ein womöglich viel friedlicheres Land hineinwachsen, in dem aus einem Ohnmachtsgefühl schließlich Dankbarkeit geworden ist? Werden die zugezogenen Flüchtlingen den demografischen Wandel aufhalten, die Rentenkassen füllen, das Gesundheitssystem retten und den Fachkräftemangel stoppen? Oder wird es in Deutschland künftig nötig sein, laut die Ärzte mitzusingen? Ich weiß es nicht. Und manchmal macht es mich fast wahnsinnig, es nicht zu wissen und keine Lösung zu sehen. Dann bin ich erschlagen von dem Hass, der aus zahlreichen Facebook-Kommentaren spricht. Und davon, dass in Deutschland tatsächlich wieder Asylbewerberunterkünfte brennen. Und dann denke ich mir, dass das doch eine bratzdämliche Minderheit ist und erinnere mich an die großartigen Münchner, die den ankommenden Flüchtlingen auf dem Bahnhof belegte Brote, Kleidung, Wasser und Teddybären schenkten, bis die Münchner Polizei irgendwann sagte: "Leute, es reicht. Wir wissen nicht mehr, wohin mit den Spenden." Das war ein kleines Sommermärchen. Jetzt ist Herbst.
In zwei Monaten werden in eine alte Schule etwa 100 Meter von unserem Haus entfernt 180 Flüchtlinge einziehen. Ich weiß noch nicht, wie meine Nachbarn reagieren werden: große Hilfsbereitschaft oder große Angst. Angst ist erst einmal okay, finde ich. Angst vor allem Fremdem ist erst einmal normal. Aber man muss sich ihr stellen, es darf kein Hass daraus enstehen.
Dabei gibt es natürlich auch diese Nachrichten: Schlägereien in Flüchtlingsunterkünften, Feueralarm aus Verzweiflung, Spendenaktionen, die völlig in die Hose gehen, weil sich Flüchtlinge um die Hilfsgüter reißen. Und zugleich stelle ich mir vor, wie es wäre: ich mit meiner kleinen Tochter in einer unbeheizten Unterkunft, und das kurz vor dem Wintereinbruch. Wenn es da um Winterkleidung für meine kleine Tochter ginge - würde ich da brav in der Reihe stehen oder mich vielleicht doch vordrängeln? Mal ehrlich: Ich werde ja schon im Supermarkt an der Kasse nervös.... Und es ist doch so: Derzeit kommen keine Syrer, Afrikaner, Wirtschaftsflüchtlinge oder Kriegsflüchtlinge zu uns. Sondern erst einmal ziemlich viele Menschen. Und wo ziemlich viele Menschen auf engem Raum zusammenleben und zur Untätigkeit verdammt sind - da gibt es Probleme.
Zum Glück muss ich nicht untätig sein. Ich habe Kinderkleidung gespendet, Koffer und Schuhe zum Erstaufnahmelager gebracht, Geld gespendet. Reicht das? Sicher nicht. Ein Kollege lässt einen Flüchtling bei sich wohnen, soweit könnte ich nicht gehen. Mir ist es ja manchmal mit meiner Familie schon zu viel. Ich kenne meine Grenzen. Und tue, was ich kann. Vor allem immer wieder darüber reden. Ohne Ängste zu schüren, ohne schönzufärben. Ich setze mich mit denen auseinander, die uns als Lügenpresse beschimpfen. Und mit denen, die sich überfordert fühlen. So wie ich mich manchmal überfordert fühle und mir eine etwas weniger komplexe Welt wünsche. Ein bisschen mehr schwarz-weiß, ein bisschen weniger grau, bitte.
Diese Woche habe ich mit Piepsi in der Krippe eine Laterne für den Martinsumzug gebastelt. Ich weiß gar nicht, wie viele Nationalitäten in der Krippengruppe vertreten sind. Es sind einige. Gespielt wird mit allen, es ist vollkommen normal, so wie es ist. Und vielleicht wird es für meine kleine Tochter auch später einmal in der Schule und im Berufsleben genauso sein: ganz normal.  Und normal finde ich ziemlich gut.

1 Kommentar

  1. Ich finde es schön, was du dazu schreibst. Mich macht es immer ganz betroffen, dass so viele Menschen dagegen wettern und dann frage ich mich immer, in was für einem Land mein Kind groß wird. Natürlich ist das alles nicht einfach. Aber Augen und Grenzen zumachen hilft niemandem auf dieser Welt. Ich hoffe einfach, dass unsere Kinder die Gelegenheit haben zu sehen, dass man Menschlichkeit und Menschenrechte niemals mit Füßen treten darf.

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