Erwachsen werden

Donnerstag, 26. November 2015

In knapp einem Monat wird meine kleine Tochter zwei Jahre alt. In knapp einem Jahr werde ich 34 Jahre alt. Das ist verflucht alt, wenn ich so darüber nachdenke. Will ich aber gar nicht. Denn ich fühle mich immer noch so wie mit 17, 18, 19, als ich jede freie Minute in einem kleinen alternativen Kino verbrachte, in dem wir selbst die Filme auswählten, vorführten, besprachen und nebenbei noch eine kleine Bar (mit Kicker!) betrieben. Ich höre, ehrlich gesagt, auch noch fast die gleiche Musik wie damals. Okay, Pantera habe ich aussortiert. Aber sonst? Ich habe mich als Jugendliche manchmal gefragt, warum meine Eltern eigentlich so alte Musik hören und gar nicht das, was so im Radio lief und was ich mir so auf MTV ansah. Aber jetzt gehe ich selbst zu Tocotronic-Konzerten und proste einem ergrauten Dirk von Lotzow zu. Denn irgendwie bezweifle ich doch, dass mir ein Sänger Anfang 20 wirklich was übers Leben zu sagen hat. Vielleicht ändere ich aber auch noch einmal meine Meinung, wenn Piepsi in das Alter kommt.
Seit meine kleine Tochter auf der Welt ist, weiß ich, dass ich alt werde. Das klingt albern, ich weiß. Aber bislang hatte ich immer noch das Gefühl, Schülern näher zu sein als diesen Menschen mit durchdachter Altersvorsorge. Doch jetzt stelle ich fest, dass ich keine der aktuellen Kinderlieder mehr kenne, selbst das verfluchte "Alle Leut" musste ich neu lernen. Ich sehe einen kleinen Menschen, der mit Animationsfilmen statt Zeichentrick aufwachsen wird und definitiv einer anderen Generation angehört und der, wenn alles so läuft, wie es laufen soll, mich überleben wird. Was ich, um noch einmal albern zu sein, traurig finde. Denn ich wüsste gerne, wie das Leben meiner kleinen Tochter so weitergeht, wie sie selbst einmal altert und ob sie glücklich ist. Ich will sie einfach immer begleiten können und wissen, wie es ihr geht.
Seit meine Tochter auf der Welt ist, mache ich mir Gedanken über Dinge, die mir bislang ziemlich egal waren. Geld zum Beispiel. Ich habe keine teuren Klamotten, kein teures Auto, mache keine teuren Reisen. Ich hasse Markenfetischismus und fette Uhren. Und ich finde es völlig in Ordnung, zur Miete in einem nicht-angesagten Stadtteil zu wohnen. Das ist jetzt anders. Nein, nicht das mit dem Stadtteil oder den fetten Uhren. Aber ich denke schon öfters darüber nach, was wohl aus mir und meinem Mann werden würde, wenn wir unsere Jobs verlören. Wir sind beide Redakteure, und derzeit werden leider viele Redakteure arbeitslos.
Seit meine Tochter auf der Welt ist, mache ich mir Gedanken über Gesundheit. Die war mir die letzten 30 Jahre eigentlich immer furzegal. "Hauptsache gesund", blabla. Ich habe ziemlich viel geraucht, gerne auch gefeiert und mich schlecht ernährt. Sport? Nö. Nun rauche ich zwar nicht mehr, richtig gefeiert habe ich auch schon lange nicht mehr und ab und zu ziehe ich mal Bahnen im Schwimmbad - aber meine Gedanken über Gesundheit gehen in eine andere Richtung. In den letzten Jahren musste ich leider zu einigen Beerdigungen von Menschen, die noch nicht sehr alt waren. Die neuen Themen am Abendbrottisch? Patientenverfügungen und Testament. Was wird aus Piepsi, wenn wir mal? Das ist nicht schön, aber leider mussten wir die Erfahrung machen, dass sich Dinge manchmal sehr schnell ändern können. Und dass es gar nicht albern ist, sich schon mit Anfang 30 damit auseinanderzusetzen, ein Schriftstück in einen Schrank zu stellen und es hoffentlich kräftig einstauben zu lassen.
Irgendwie sind das alles ziemliche Novembergedanken. Aber auch die gehören zum Elternsein. Ich muss dann wohl ein bisschen erwachsen werden. Was doof ist. Aber meine Chucks, die trage ich immer noch. Wobei sich gerade meine eigene Mutter selbst ein Paar gekauft hat. Richtig cool ist das damit also auch nicht mehr.

Die Muttis und der Sex

Donnerstag, 12. November 2015

Jawohl, es ist soweit: Ich blogge über Sex. Es ist nämlich so, dass ich wohl noch nie so viel über Sex geredet habe wie momentan. Okay, da war mal so eine Phase in der Pubertät, als man mit den engsten Freundinnen jede Hautfalte ausdiskutierte. Aber das immer nur mit den allerallerbesten Freundinnen und zudem auch sehr wohlwollend. Heute sieht die Sache so aus: Da sieht man beim Kinderturnen oder auf dem Spielplatz ein Paar, dessen Nachnamen man nicht mal kennt, und dann ist da er, so der Mann-Typ ewig gut gelaunter Bär, der die Hände in die Hüften stemmt und mir verkündet: "Ja, wir arbeiten derzeit ja am Zweiten." Und nebenher ein Sandförmchen füllt. Arbeiten. So nennt ihr das also. Ebenfalls oft gehört: "Wir gehen jetzt in die Produktionsphase." Und ich kleine Drecksau kann dann einfach nicht anders, als mir diese Produktionsphase kurz vorzustellen. Kopfkino: an. Hilfe, das will ich doch gar nicht sehen! Falscher Film, falscher Film!
Tatsächlich ist es doch so: Seit ich eine kleine Tochter habe, bewege ich mich zeitweilen in einer Welt hormonbeduselt lächelnder erwachsener Menschen, die sich über Rund-ums-Kind-Flohmärkte, Osanit-Globuli und die Trotzphase unterhalten. Das ist alles - aber nicht sexy! Natürlich habe auch ich während der Geburt meiner Tochter auch den letzten Furz von Schamgefühl über Bord geworfen. Aber jetzt bin ich zurück in der Zivilisation und finde es manchmal befremdlich, dass mir fast gänzlich fremde Menschen von ihrer Produktionsphase berichten. Natürlich ist es das Natürlichste der Welt. Und ich gönne jedem gut gelaunten Bären sein Sexualleben. Aber meine kinderlosen Freunde erzählen mir ja auch nicht, dass sie sich gerade in einer geil unproduktiven Phase befinden. Daher: Gehet hin und vermehret euch. Aber bitte verschont mich damit.

Braucht eine Zweijährige einen Adventskalender?

Donnerstag, 5. November 2015

Letztens stand ich im Supermarkt vor der Vor-Vorweihnachtszeitabteilung und habe mich gefragt: Braucht meine kleine, 22 Monate alte Tochter eigentlich in diesem Jahr schon einen Adventskalender?
Nun, "brauchen" tut in diesem Sinne ja niemand einen Kalender. Aber wollen! Aber was ist mit so einem kleinen Kind? Will es einen Adventskalender, wo es gar nicht weiß, was genau das ist?
Piepsi ist tatsächlich in diesem vielleicht etwas undankbaren Alter, in dem man viele Dinge mit einem "dafür ist sie noch zu klein" oder einem "das versteht sie doch noch gar nicht" abtut. Zum Beispiel wird es zu ihrem zweiten Geburtstag keine Riesenfete mit zig Freunden und Spielen oder sonstigem Kram geben. Ein Kuchen in der Krippe, Opa kommt zu Besuch, dann noch eine Freundin mit ihren beiden Kindern. Aus. Würde eine Riesenfete mit zig Freunden und Spielen und sonstigem Kram schaden? Nein. Aber mir erspare ich mit der Opa-und-Kuchen-Variante ne Menge Stress. Und Piepsi hat trotzdem einen schönen Tag.
Ähnlich ist es mit dem Adventskalender. "Glaubst du wirklich, dass das so eine gute Idee ist?", hat mich mein Mann gefragt. "Glaubst du, sie versteht, dass sie da tatsächlich nur ein Türchen öffnen und dann erst am nächsten Tag wieder ran darf?" Tatsache. Der Adventskalender könnte eine Katastrophe werden. Mit täglichem Geheul nach dem täglichen Türchen. Ein Adventskalender für eine Zweijährige ist wohl keine hübsche Überraschung, sondern eher eine Erziehungsaufgabe. Eine Frage der Disziplin.
Nun, ich habe einen Adventskalender gekauft. Er liegt ganz oben auf dem Schrank. Es ist kein großer, aufwändiger Kalender, sondern so ein ganz einfacher mit Mini-Schokotäfelchen. Ein ganz schlichter, den ich als Kind schon immer am liebsten hatte. Wir werden sehen, wie die kleine Tochter damit umgehen wird. Notfalls endet unsere Adventszeit eben nach dem sechsten Türchen. Piepsi ist ja in diesem speziellen Alter. Da versteht sie das alles noch gar nicht.
 
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